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Vortrag, gehalten am 31. Mai 2000 im GMD Forschungszentrum fuer
Informationstechnik/Forschungsinstitut für Rechnerarchitektur und
Softwaretechnik (High-Tech Campus Berlin-Adlershof)

Informationelle Realität - reale Welt - Bewußtsein 
 

Wir stehen heute in einer kulturellen Umbruchsituation, die vergleichbar ist den großen  geschichtlichen Epochenbrüchen, in denen sich das Welt- und Selbstverständnis der Menschen  radikal wandelte. Wir stehen vor einer zweiten Kopernikanischen Wende, die in das Leben der Menschen unvergleichlich tiefer eingreifen wird als die uns allen bekannte erste. Daß die Sonne sich  nicht um die Erde dreht, sondern das Umgekehrte der Fall ist, war eine vergleichsweise harmlose Erkenntnis. Daß sich sozusagen alles dreht, in beständiger Bewegung ist in relationalen Verschiebungen und in multidimensionalen Verwandlungen oder auch Verwerfungen zueinander steht und es keinen archimedischen Punkt gibt in unserem Wirklichkeitsverständnis, in unserem Welt- und  Selbstverständnis - das ist das global wirksame Neue, das seinen Zug um die ganze Erde nun begonnen hat. Heraklits "panta rhei": daß alles in ständigem Wandel und in ständiger Bewegung  sei, ist von einer philosophischen Spezialmeinung zu universaler Wirklichkeit geworden. Weithin sind wir lebensweltlich in Schemata und Dimensionen eingebunden, die sozusagen eine natürliche Mitgift um des Überlebens willen darstellen, mehr aber auch nicht: für das natürliche Erleben geht die Sonne immer noch im Osten auf und im Westen unter, der Glanz des Mondes kann  uns immer noch begeistern, auch wenn wir schon längst wissen, daß es bloß ein kosmischer Stein- und Staubhaufen ist, noch so manch andere Metaphysik ist im Schwange, auch wenn sich dem  aufgeklärten Beobachter diese schon längst als Illusion erwiesen hat. Nichts steht mehr fest, weder ein Begriff von Vernunft noch ein Begriff der Wirklichkeit, an den wir uns sozusagen vorurteilslos halten könnten.
Informationelle Realitaet, reale Welt und Bewusstsein befinden sich in einem staendig fortschreitenden Prozess der Verschraenkung sowohl auf der Raum- wie auch der Zeitachse. Die exponentiell sich beschleunigende Entwicklung informationeller Realitaet erweist sich in diesem relationalen Gefuege als der dominierende Faktor.
Im folgenden sollen in einem ersten Schritt kurz die historisch entscheidenden Stufen dieses Interaktionsprozesses rekonstruiert werden. Im Anschluss daran soll die aktuell erreichte Stufe der Verschränkung von informationeller Realität, realer Welt und Bewußtsein analysiert werden. Es wird deutlich werden, welch grundstürzende Veränderungen für die Identität menschlichen Bewußtseins und die Wahrnehmung der realen Welt von dieser Entwicklung ausgehen - mit bereits absehbaren Konsequenzen für die zukünftige Gestalt der realen Welt selbst.

 

1. Historisch entscheidende Stufen des Interaktionsprozesses von informationeller Realität, realer Welt und Bewußtsein bis zum Eintritt der Computer-Netzwerke in die Geschichte (Internet)

Dass der Mensch einen virtuellen Raum und eine virtuelle Zeit mit virtuellen Informationen verschiedenster Quantitaet und Qualitaet, die sie ausfüllen, kreieren konnte, verdanken wir einer besonderen Eigenschaft der Spezies Mensch: Im Laufe der Evolution der Primaten bildete sich zusammen mit den erhöhten Anforderungen an die Planung von Handlungen, an das Vorstellungsvermögen, das strategische Denken und die komplexe soziale Interaktion eine virtuelle Welt aus. In dieser Welt gibt es einen virtuellen Akteur, ein Ego, das plant,  handelt und kommuniziert, ohne sich um die tatsächlichen  "Ausführungsbestimmungen" kümmern zu müssen, die dann Sache des übrigen Gehirns ist. Erst die "Erfindung" dieses virtuellen Ich,  das jedem von uns als sein Bewußtsein von sich selbst und der realen Welt  vertraut ist,  ermöglichte ein Überleben in jener komplexen, stark fluktuierenden biologischen und sozialen Welt, in der wir Menschen leben. Die  Erfindung einer Welt des Bewußtseins, mit dem das Ich scheinbar direkt die reale Welt wahrnimmt und auf sie direkt einwirkt, ohne dass es sich um die unendlich komplizierten neuronalen Prozesse kümmern muss, die im Gehirn dazwischen geschaltet sind, scheint ausserordentlich vorteilhaft zu sein. Abgesehen von den schon genannten Vorteilen für den Entwurf von Überlebensstrategien ganz allgemein und die Planung von speziellen Handlungen im besonderen erlaubt diese virtuelle Realtität des Bewußtseins das Sprechen mit Hilfe einer komplizierten syntaktischen Sprache. Die spezifisch menschliche Sprache ist die erste Manifestation bzw.Expression der virtuellen Realitaet des menschlichen Ego, durch die sich dieses selbst in seiner Existenz bestätigt. Die Sprache ist somit die erste Ausgründung jener virtuellen Struktur, die im physischen Dasein des Menschen inkorporiert ist. Wie das virtuelle Ego das reale Gehirn benötigt, um Informationen mit der realen Welt austauschen zu können, so benutzt die Sprache die realen Laute, also Elemente der physikalischen Welt, um die virtuellen Informationen transportieren zu können, die es mit anderen austauschen möchte. Dieses Verstehen geschieht  im virtuellen Raum und der virtuellen Zeit des Bewußtseins und wiederum ohne irgendwelche bewußte Bezugnahme auf die komplexen neuronalen  Prozesse in verschiedensten Hirnregionen, die wir beispielsweise durch die modernen bildgebenden Verfahren so schoen sichtbar machen können. Unserem Bewußtsein bleiben im Prozeß des Verstehens diese dazwischen geschalteten neuronalen Prozesse völlig verborgen, ja das Gehirn leugnet sogar für unser Bewußtsein -wie der amerikanische Neurobiologe Benjamin Libet gezeigt hat- die 300-500 ms, die es selbst benötigt, um beispielsweise aus einer Reizung der  Sinnesorgane eine  bewußte Wahrnehmung zu machen (Libet B: Neuronal vs. subjective timing for a conscious sensory experience. In: Buser PA, Rougeul Buser A: Cerebral Correlates of Conscious Experience. Amsterdam : Elsevier/North-Holland, 1978:69-82).

                                                            

Ein weiterer, allerdings für das Überleben der Menschheit zunächst nicht so bedeutsamer Schritt war der Versuch, mittels Schrift den in Sprache ausgedrückten virtuellen Gehalt, diese spezifische informationelle Realität also aus dem Raum der grundlegendsten  Ausgründung des virtuellen Ego "dingfest" zu machen. Ja man kann Schrift dahingehend interpretieren, dass sie den Versuch darstellt, den virtuellen Raum der Sprache, den man nicht fassen kann und die virtuelle Zeit, die der flüchtige Gedanke durchmisst, zu bewältigen und  gleichsam in ehernen Lettern der realen Welt einzuverleiben. Wir haben es also mit dem Versuch der Einbewältigung des nach Kriterien der realen Welt nicht fassbaren virtuellen informationellen Gehalts zu tun,  dem ein Dasein gegeben werden soll, das keinen Unterschied mehr zur realen Welt zulässt. Diese Verläßlichkeitssicherung der Virtualität, die die Schrift leistet, können wir in unserem eigenen Leben noch in Überbleibseln archaischer Verhaltensmuster nachvollziehen. Wenn wir beispielsweise jemandem, mit dem wir geschäftlich zu tun haben, nicht über den Weg trauen, dann fordern wir in der Regel, er oder sie möge uns doch die Zusage, die Vereinbarung etc. schriftlich geben. Wir wollen damit eine stärkere Eingründung des  sprachlich-virtuell Geäußerten in der realen Welt und deren Verbindlichkeits- bzw. Nachprüfbarkeitskriterien.
Andererseits ermöglichte dieses Medium der Schrift den vom direkt sich äußernden Bewußtsein unabhängigen Transport informationeller Realität und damit eine weitere Verselbständigung des virtuellen Raums. Es bedarf fortan nicht mehr eines in einer virtuellen Welt agierenden anderen Ego, durch dessen Kommunikationseröffnung ich in den Raum der zu übermittelnden informationellen  Realität hineingenommen werde. Der andere wird hier
vielmehr substituiert durch die Schrift, die unabhängig von einem kommunizierenden Individuum die zu übermittelnde informationelle Realität bewahrt. Sie ist der virtuellen  Raumzeit des Einzelbewußtseins enthoben und kann deshalb in völlig anderen Räumen und Zeiten auftauchen, solange das Material überdauert (zB die Tontafeln, auf die geschrieben wurde, die Papyrusrollen etc.) Die Herkunft aus der virtuellen Raumzeit aber macht sich spätestens dann wieder bemerkbar, wenn die Zeichen mehrdeutig sind und der Interpret den Schreiber oder seinen Auftragggeber als Kommunikationspartner bräuchte, um die Eindeutigkeit der Aussage sicherzustellen. Wir sind dann immer etwas verdutzt darüber, dass die Schrift in eindeutigen Zeichen vor uns steht, wir aber dieses so fest Vorgegebene dennoch verschieden deuten können.
Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks hat dem Prozess der Verselbständigung informationeller Realität zu universaler Ausbreitung verholfen. Die Möglichkeit der im Vergleich zu den mittelalterlichen Schreibstuben raschen Herstellung zahlreicher Exemplare des selben Buches sowie eine raschere Abfolge immer
neuer Bücher sorgte für eine Dynamisierung der Ausbreitung informationeller Realität in der realen Welt. Was in diesen Büchern stand, fand seinen konkreten
Niederschlag in der wissenschaftlich-technischen, sozialen und kulturellen Umgestaltung der realen Welt. Nach den Printmedien kamen die auditiven und schließlich die visuellen Medien. Sie alle verarbeiten Bewusstseinsinhalte, die uns mit technischen Hilfsmitteln zugeführt werden. Was dem Griechen die Schrift war als Ausdruck und Vehikel informationeller Realität, das ist dem Menschen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Film- bzw. Fernseh-Kamera, die mit dem Wort der Sprecher Bild und Text zu einer neuen Einheit zusammenführt. Die vormediale Welt kannte diese Einheit nicht. Für das Bild waren die Künste mit ihrer Imaginationskraft zuständig, für  den Text die Welt der Gelehrten.  Nunmehr kann eine Nähe zu der übermittelten informationellen Realität erreicht werden, die die Schrift nicht kannte. Diese Nähe verdankt ihre Wirkmacht der scheinhaften Aufhebung der virtuellen Realität, die nun im Gewande der realen via Fernsehen oder Film uns übermittelt wird. Andererseits ist die durchs Bildmedium mir  übermittelte reale Welt mir so nah, dass die virtuelle Realität praktisch unbemerkt wiederkehrt. Im Medien-Bild kann ich -wenn auch nur imaginär- die bestimmte  Zeit und den bestimmten Raum verlassen, in dem ich mich befinde, indem lebendige Bilder, bewegte                 Gestalten wie lebendige Wesen an mir vorbeiziehen, als wären sie meine Nachbarn und ich in ihrem Raum und in ihrer Zeit, wobei ich selbst allerdings in diesen Bildern als sichtbare Gestalt nicht aktiv vorkommen kann, ich bin sozusagen den Bildgestalten zeitgenössischer Zuschauer in deren Welt, die  aber real nicht die meine ist. Und nun kommt eine Eigengesetzlichkeit der Informationsverarbeitung  zum Tragen, auf die uns erst die moderne Hirnforschung aufmerksam gemacht hat: Der Mensch, der  sich mit seinem Gehirn sozusagen in diese Medienwelt eingeklinkt hat, verlangt nach  weiterer Veränderung, nach Steigerung der Intensitätskomponenten, die in diese Medien-Bilderwelt  eingebaut sind, sonst wird es ihm langweilig. Je länger wir mit den gleichen Informationen und den gleichen in sie eingebauten Intensitätskomponenten umgehen - und es scheint sich ja unglaublich zu wiederholen, was da alles medial abläuft -, umso mehr muß das abstrahiert, akzeleriert, also beschleunigt, müssen überhaupt die Intensitätskomponenten angehoben werden. Ich gebe ein Beispiel: Wenn der Film so langsam wie in den 50er Jahren wäre, als es drei Minuten vom Schlafzimmer bis zum Badezimmer dauerte, würden wir heute einschlafen. Wohl nicht so sehr, weil  unser Gehirn in jeder Hinsicht schneller wäre; entscheidend ist, daß das Gehirn zu sogenannten  Superzeichenbildungen fähig ist: Wir wissen eben schon, was nach dem Schlafzimmer im Film  kommt. Daher können wir einfach abkürzen. Wir haben schon die Filmerfahrung. Das ist nicht mehr  so wie bei den ersten Filmen, als die Dampflok auf der Leinwand erschien und die Leute aus dem  Kino rannten, weil sie dachten, der Zug komme in den Kinosaal. Das wird immer mehr reines
 
Zeichen, immer weniger Lebenskontext und muß dadurch als Zeichen immer schneller  aufeinanderfolgen, immer abstrakter werden, um Leben überhaupt noch transportieren zu können. Es muß abstrakter werden, damit noch Lebenskonnotationen hineinkommen. Gleichzeitig müssen die Intensitätskomponenten, das Reizmaterial verstärkt werden, damit das Ganze nicht zu formal wird. Zunehmende Formalisierung und zunehmende Reizeffektverstärkung sind sozusagen die geschwisterlichen Vehikel der medialen Bildentwicklung. Damit haben wir aber nur eine Phase und  eine strukturelle Eigenschaft des Medien-Bildes erfaßt. Ich stellte vorhin fest, daß im Medien-Bild der ersten Stufe, wie ich es genannt habe, ich als Zuschauer immerhin schon - wenn auch nur imaginär - die bestimmte Zeit und den bestimmten  Raum, in dem ich mich befinde, verlassen kann, indem Bilder, bewegte Gestalten wie lebendige  Wesen an mir vorbeiziehen, als wären sie meine Nachbarn und ich in ihrem Raum und in ihrer Zeit, wobei ich selbst allerdings in diesen Bildern als sichtbare Gestalt nicht aktiv vorkommen kann, ich  bin sozusagen den Bildgestalten zeitgenössischer Zuschauer in deren Welt, die aber real nicht die meine ist.
Diese geschilderte Struktur ist mir fest vorgegeben, ich kann sie nicht ändern, außer ich verlasse den Film oder wechsle per Tastendruck das Programm. Wir haben es hier also mit einer asymmetrischen Struktur zu tun, sie ist nicht interaktiv, sondern monopolisierend. Daher verträgt sie sich politisch mit jedem System, das über sie verfügt, mit Diktaturen genauso wie mit Demokratien. Fernsehen gab und gibt es in beiden. Auf dieser Ebene der Bild-Welt vollzieht sich Persönlichkeitsbildung vorwiegend anhand von Leitbildern der Massenmedien, wir begegnen im Alltag zunehmend medientypisch gestylten Figuren. Mediale Eigentümlichkeiten werden somit auch  außerhalb der Medien zu Realbeständen der Wirklichkeit. Nicht nur die mediale Präsentation von Wirklichkeit, sondern die extramediale Wirklichkeit selbst ist fortan von medialen Determinanten  durchzogen. Letzteres Beispiel macht noch einmal die Asymmetrie deutlich, die mit der bisherigen Struktur informationeller Realität unaufhebbar verbunden war und zugleich determinierende, also bei aller Freiheitsermöglichung zugleich freiheitsbeschränkende Bedeutung hatte.

2. Die Verschränkung  von informationeller  Realität, realer Welt und Bewußtsein  im Zeitalter der Computer-Netzwerke (Internet)

 Es ist nun eine wirklich revolutionäre, in ihren kulturellen und gesellschaftlichen Auswirkungen grundstürzende Entwicklung, als mit dem Fortschritt der modernen Computer-Technik und ihrem Verbund in Netzwerken die eben skizzierte Asymmetrie zugunsten interaktiver Strukturen auch  technisch überwindbar wurde.

Eine bestimmte Form der Verselbständigung der virtuellen Realität gegenüber dem kommunizierenden Bewußtsein, die mit der Schrift begann und mit dem modernen Medien-Bild zur Perfektion getrieben wurde, wird nun wieder zurückgenommen. Virtuelle Realität, die ihren Ursprung in der Virtualität des menschlichen Ego hat, wird wieder in das Eigentum kommunizierender Subjekte zurückgegeben. An die Stelle einer bloß rezeptiven und reaktiven Haltung,  die den bisherigen Umgang mit verselbständigter virtueller Realität in Schrift, Ton und Bild bestimmte,  tritt die interaktive Beteiligung des erkennenden Subjekts.
Eine neue Virtualität etabliert sich: Sie ist einerseits nicht ausschliesslich abhaengig von Kommunikationsakten einzelner Subjekte - das Netz mit seiner vielschichtigen informationellen Realität ist da, auch wenn ich nicht eingeloggt bin. Andererseits bricht sich mein Kommunikationswille nicht an den Mauern abgeschotteter Zulassungsinstanzen, die darüber befinden, was als Schrift und Bild in den allgemeinen Kommunikationsprozess eingehen darf. Die bisherigen Formen verselbständigter virtueller Realität, also Schrift und Bild, erlaubten die Ausbildung von Monopolen, die gewinnbringend sich dieser Selbständigkeit bemächtigten und die Zulassungsbedingungen für die Partizipation definierten. Monopolisierung der Zugangschancen zu informationeller Realität und reaktiver bzw. rezeptiver Charakter des Verhältnisses zu ihr gehören unaufhebbar zusammen.
Damit hat es nun definitiv ein Ende, auch wenn es natürlich noch die einen oder anderen Nachhutgefechte gibt.  Im Netz ist praktisch jeder gleich, jeder kann sich einbringen und für seine Ziele werben, seine Erkenntnisse mitteilen und noch bestehenden Monopolen das Fürchten lehren.  "Information wants to be free". Dieser Leitsatz John Gilmores drückt das ganz neue Verhältnis des erkennenden und handelnden Subjekts zu informationeller Realität aus, das ihr zu bisher nicht gekannter Ausweitung und Einflussnahme auf das Leben der Menschen verhelfen wird. Parallel zu den exponentiell sich beschleunigenden Fortschritten im Bereich von hardware und software wird sich auch der Interaktionsprozess zwischen informationeller Realität, realer Welt und Bewußtsein beschleunigen und intensivieren. Was ich meine, lässt sich am besten an folgendem Beispiel veranschaulichen. Es ist zwar auf einen ganz konkreten Anwendungsbereich bezogen, lässt aber durchaus eine Extrapolation  auf weitere Perspektiven zu. Mithilfe eines neuen Computer-Verfahrens werden Reparatur- und Wartungsarbeiten an Maschinen auf eine völlig neue Grundlage gestellt. "Augmented Reality" (erweiterte Realität) erlaubt Defizite der natürlichen Wahrnehmung der realen Welt, hier beispielsweise der Realität der Maschine auszugleichen durch einen Input computervermittelter informationeller Realität in die Gesamtwahrnehmung des Objekts.  
 
„Bei Augmented Reality geht es im Kern darum, die reale Ansicht eines Objekts mit virtuellen Welten zu überlagern“, umreißt Stefan Müller                               
vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) die Idee für die neue Zusammenschau. Reale und virtuelle  Information verschmelzen zu einem neuen Überblick auf die Maschinerie. Die Orientierung wird leichter, die Zusammenhänge klarer, der  Griff sicherer und die Reparaturzeit kürzer.
„Vor allem mussten wir dem Computer beibringen, wohin der Benutzer gerade schaut“, erklärt Stefan Müller, Leiter der Abteilung  Visualisierung und Virtuelle Realität am Darmstädter IGD. Ein Positionssensor auf der Datenbrille registriert jede Bewegung des  Monteurs. Das Programm passt dann in Bruchteilen von Sekunden die digitalen Überblendungen auf der Datenbrille der neuen  Blickrichtung an.
Gespeichert sind die Graphiken und erklärenden Texte in einem Kleincomputer, der zum Beispiel am Gürtel getragen wird. Beschickt werden  kann der Minirechner mit beliebigem Datenmaterial. Selbst eigene Skizzen lassen sich damit bei der Reparatur in Augenschein nehmen. Per Funk lassen sich sogar Bedienungsanleitungen und Installations-Informationen über einen Server direkt aus dem Internet auf die Brillengläser projizieren. (Den Prototyp eines digitalen Maschinen-Handbuchs stellte Peter Elzer von der Technischen Universität Clausthal  auf der letzten Interkama, der internationalen Fachmesse für Automatisierungsverfahren, vor. Das Clausthaler Computerprogramm läuft  auf jedem Rechnersystem, unabhängig von der Hardware und ihrem Betriebssystem.)
Seit etwa drei Jahren gibt es Forschungen auf dem Gebiet Augmented Reality. Doch schon zeichnet sich ein weites  Anwendungsfeld der neuen Wahrnehmungs-Technik ab. Beim Verlegen der umfangreichen Kabelbäume in einem Flugzeug etwa zeigt das  Augendisplay dem Monteur den genauen Weg der einzelnen Leitungen und ihre Verschaltungen. Der Gang durchs Museum lässt sich  nach eigenem Gusto und mit individuellen Informationen gestalten – unabhängig von den Führungen zu festen Zeiten. Im Operationssaal holt der Chirurg sich die medizinischen Parameter seines Patienten auf die halbdurchlässigen Gläser oder den im Vorfeld geplanten, virtuellen Ablauf des Eingriffs. Mit Datenbrillen ausgerüstete Stadtplaner durchstreifen die Straßen, um beispielsweise die ästhetische Wirkung einer neuen Fußgängerbrücke zu beurteilen.
Die Fraunhofer-Ingenieure sind allerdings mit dem head mounted display noch nicht ganz zufrieden. Technisch elegantere Lösungen werden ins Auge gefasst, die allerdings eine noch viel weiter entwickelte Technologie voraussetzen. Man denkt an die Möglichkeit der Konstruktion eines Virtual Retinal Display.  Beim Virtual Retinal Display, so ihre Vision, wird das digitale Bild mit Lasern direkt auf die Netzhaut  gezeichnet. 

Aus diesem Beispiel laesst sich sehr konkret eine neue Stufe des Prozesses der Interaktion und Integration von virtueller Realität, realer Welt und Bewußtsein ablesen. Hatte informationelle Realität bisher Auswirkungen auf den Menschen 
und sein  Handeln über das Einfallstor des Bewußtseins,  so erreichen wir nun eine neue Stufe, auf der biologische Systeme und Systeme computervermittelter informationeller Realität schon auf der biologischen Ebene immer weiter zusammenwachsen. Angesichts der zunehmenden Komplexität der realen Welt durch die sich beschleunigende Integration computervermittelter informationeller Realität reichen unsere biologischen Systeme vielfach nicht mehr zur Bewältigung dieser Komplexität aus. Wir stossen immer wieder auf  Defizite genannt "menschliche Unzulänglichkeit" oder schlicht die durch Kapazitätsgrenzen bedingte Unmöglichkeit, mit vorgegebenen Problemlagen fertig zu werden. Informationelle Realität kann mit Bio-Systemen  verknüpft werden und  solche Defizite überwinden helfen. Wege hierzu werden durch die Neurowissenschaften ebenso wie durch die molekularbiologische Forschung gebahnt. Das Gehirn beispielsweise als  interface zwischen Biosystem und informationstechnologisch hergestellter Realität - seit der Implantation eines Mikrochips, der das Sehen wieder ermöglichte,  ist das keine Utopie, sondern eine Richtung, in die wir weiter fortschreiten werden. Freilich stellen sich hier auch wichtige ethische und gesellschaftspolitische Fragen, die eingehender Erörterung bedürfen. Trotzdem:  Der Begriff der "augmented reality" hat über seinen oben geschilderten aktuellen Verwendungshorizont hinaus zukunftsweisende Bedeutung. Um uns in der immer komplexer werdenden realen Welt zurechtzufinden, bedürfen wir der präzisen Informationen und ihrer schnellen Proliferation, für die Raum und Zeit minimale, also auf  0 gehende Verzögerungsgrößen sind. Informationelle Realität entwickelt sich in diesem Prozeß der fortschreitenden Integration in die reale Welt zur Überlebensgröße.  Mithilfe von Simulationsmodellen erschließen sich uns Funktionsstrukturen, die wir für bedarfsgerechte Anwendungsstrategien nutzen können. Handlungsoptionen erhalten eine zusätzliche Absicherung. Informationelle Realität schiebt sich so - allein schon aus Überlebensgründen- tendenziell immer mehr in den Vordergrund des Bewußtseins, das immer mehr die reale Welt im Lichte der informationellen Realität wahrzunehmen sich gewöhnt. Wurde in klassischen Zeiten seligen Welterlebens, als die Dominanz der realen Welt noch allerlei numinosen Gestaltungsprinzipien Raum gab,  Wahrheit bestimmt als adaequatio rei et intellectus, als eine Angleichung des Intellekts an die von sich her vorgegebene und für alle Zeiten feststehende "Sache",  so findet im informationstechnologisch orientierten Zeitalter geradezu eine Umkehrung dieser Gleichung statt. Dh die Sache selbst wird nun dem intellectus angeglichen. Informationelle Realität avanciert zu der Größe, an der die reale Welt gemessen wird. Dies hat grundstürzende Folgen für die Identität unseres Bewußtseins. 
 

Die bisherige Bewußtseins- und Weltverständnistradition hat dieses Ich und sein Bewußtsein stets inhaltlich fixiert mit mehr oder weniger großen
Variationsbreiten innerhalb sanktionierter inhaltlicher Kontexte. Sie waren bestimmt durch einen definierten Raum und eine definierte Zeit,  die zur Abhebung von anderen Räumen und Zeiten und damit anderen Identitätskontexten dienten. Durch die Natur der virtuellen Realität heben sich solche Verankerungen in divergierenden Räumen und Zeiten auf. In  der virtuellen Realität ist alles gleichzeitig und überall. Die Raum-Zeit-Determination der genannten Kontexte ist aufgehoben. In der virtuellen Realität entfällt der Zwang zur Identitätsbildung im traditionellen Sinne. Die Identität des Ich und seines Bewußtseins konstituiert sich nunmehr nach Maßgabe der Fähigkeit, die beständig sich wandelnde informationelle Realität zu integrieren, und nicht mehr durch Fixierung auf einen bestimmten Inhalt und dessen Dogmatisierung. Es ist gleichsam Identität auf einem ständigen Prüfstand, die sich dem trial -and - error - Prinzip unterwirft. "Ich bin viele" - diese provozierend - ueberzogene Formulierung Sherry Turkles vom MIT zur Beschreibung der neuen Identitätsstruktur deutet die Richtung an, in der sich die Adaptation des Subjekts an die zunehmende Dominanz der virtuellen Realität  vollziehen wird. Es tritt nun in praxi jene Formalisierung der Identität ein, die Immanuel Kant in der Theorie des freien Subjekts in seiner "Kritik der reinen Vernunft" dem transzendentalen Ich vindizierte. "...dadurch, dass ich das Mannigfaltige der <Vorstellungen>  in einem Bewußtsein begreifen kann -heisst es bei Kant- nenne ich dieselben insgesamt meine Vorstellungen, denn sonst würde ich ein so vielfarbiges verschiedenes Selbst haben, als ich Vorstellungen habe, deren ich mir bewußt bin." (Kant: Kritik der reinen Vernunft, B134)
Kant unterscheidet dieses Selbst scharf von der empirischen Einheit des Bewußtseins (vgl. ebenda B139),  die  -wie die ganze Welt des Empirischen- sich vielfältig darstellt und ständigem Wandel unterliegt.
Ohne etwas von der künftigen Bedeutung computervermittelter informationeller Realität ahnen zu können,  hat Kant mit seiner Theorie des transzendentalen Ich der Formalisierung der Identität des Bewußtseins den Weg gewiesen und es von den Ketten traditionaler, empirisch-kontingenter  Beschränkungen befreit.
Unter den Bedingungen des fortgeschrittenen Integrationsprozesses von informationeller Realität, realer Welt und Bewußtsein bedarf es dieser Formalisierung der Identität, um die Flexibilität des empirischen Ich zu sichern, das so vor jeglicher dogmatischen Fixierung bewahrt wird.
Ich kann zwar als empirisches Ich vieles sein, ja muss es im Sinne des trial and error-Prinzips sein können, und bin doch ein Ich. Die zunehmende Dominanz informationeller Realität über die reale Welt erfordert gleichsam in Parallelität die Dominanz des formalisierten Ich über das empirische Bewußtsein, das so offen bleiben kann für innovative Veränderungen aus dem Bereich der virtuellen Realität. 

Wollte man diesen Strukturwandel in einem Bild zusammenfassen, so wäre es etwa so zu skizzieren: die alltägliche Wirklichkeit, die reale Welt wird sowohl auf der Raum- wie auch der Zeitachse zu einem weiteren Fenster auf dem Schirm des Bewußtseins neben vielen anderen Fenstern, die ich anklicken kann. Die Kommunikation und Interaktion der verschiedenen Fenster untereinander, das ist die grundstürzende Veränderung, die das Neue erschließt.
Damit eröffnen sich ungeahnte Freiheitsräume für die Zukunft, die eine Zukunft der "augmented reality" sein wird.